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Dunkle Zeit

Folge: 1039 | 17. Dezember 2017 | Sender: NDR | Regie: Niki Stein
Bild: NDR/Christine Schroeder
So war der Tatort:

Relevant. Denn Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein (Frauenmorde) wagt sich in Dunkle Zeit an ein politisch heißes Eisen: Schon die erste Filmminute zeigt US-Präsident Donald Trump, Adolf Hitler und Wladimir Putin. Die kurzen Einstellungen stammen aus einem Video der linken Szene, in dem zum Mord an der Fraktionsvorsitzenden der fiktiven Partei "Die Neuen Patrioten" aufgerufen wird: Nina Schramm (Anja Kling, Schleichendes Gift) ist das Tatort-Pendant zu Frauke Petry oder Alice Weidel - und auch wenn die Idee zu diesem Tatort bereits viel früher entstand, trifft Steins Politthriller wenige Monate nach dem Einzug der AfD in den Bundestag noch immer den Puls der Zeit. Auch das einleitende Aufeinandertreffen von Polizisten und linksautonomen Gewalttätern erinnert an ein Ereignis, das noch nicht lange zurückliegt: an den G20-Gipfel im Juli 2017, zu dessen Zeitpunkt der Film gerade erst abgedreht war. Irgendwo zwischen den politischen Extremen bewegen sich die Ermittler und werden so für das Gros der Zuschauer zur Projektionsfläche: Die Hamburger Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) werden von ihrer Chefin Luisa Salvoldi (Clelia Sarto, Dschungelbrüder) zum Schutz der umstrittenen Rechtspopulistin Schramm abgestellt - was vor allem Falke nicht passt, dessen tolerantes Weltbild sich kaum mit dem der Politikerin vereinbaren lässt. Dass kurz darauf ihr Ehemann Richard (Udo Schenk, Kalte Wut) bei einem Attentat stirbt, können die Ermittler aber so oder so nicht verhindern - und stehen nun vor den beiden Fragen, ob der Anschlag in Wahrheit seiner Frau galt und wer die tödliche Bombe im Wagen deponiert hat.
Salvoldi: "Gehen wir davon aus, der Anschlag galt Nina Schramm. Wer profitiert davon?"
Falke: "Deutschland."
Niki Stein hat bereits in Manila, Bildersturm oder Der Inder komplexe politische Stoffe in spannende Krimis umgemünzt - und auch sein 14. Tatort, der beim Filmfest Hamburg 2017 seine Vorpremiere feierte, ist wieder gelungen. Denn während er bei Schramms Parteifreunden mitunter etwas dick aufträgt - bei Wahlkampfmanager Benjamin Reinders (Ben Braun, Mord ist die beste Medizin) dudelt beispielsweise Rechtsrock im Auto - beleuchtet er die Parteichefin differenziert und lockt den Zuschauer auf gefährliches Terrain: Einige Argumente der gewieften Politikerin würde man glatt unterschreiben, wüsste man nicht, dass sie die Wahrheit geschickt verkürzt und ihre Partei nur allzu gern in der Opferrolle sieht. Die Ermittler sind damit oft überfordert: Falke verweist zwar auf seine glückliche Kindheit im Multi-Kulti-Stadtteil Billstedt, wird von Schramm aber mühelos ausgekontert ("Da wo sie aufgewachsen sind, hab ich mit meiner Partei 13 Prozent geholt."). Grosz verhält sich besonnener, weiß Schramms Provokationen im Hinblick auf die dringend notwendige Aufstockung des Polizeiapparats (eine bekannte AfD-Forderung) aber ebenso wenig zu kontern. Statt die charismatische Rechtspopulistin plump zu dämonisieren, verleiht Stein ihr menschliche Züge: In einer der stärksten Szenen verliert Schramm die Fassung, weil sie dem Druck der anstehenden Wahlen und der verschärften Sicherheitslage nicht mehr standhalten kann. Wie sehr auch die Bundespolizei unter Beobachtung steht, zeigt ein Besuch beim potenziellen Bombenbauer Vincent (Jordan Dwyer), der von der radikalen Paula (Sophie Pfenningstorf, HAL) gekonnt instrumentalisiert wird: Grosz verstößt gegen die Vorschriften, um ja nicht mit leeren Händen ins Präsidium zu kehren und den Kritikern der vermeintlich voreingenommenen Polizei in die Karten zu spielen (Schramm: "Sind wir mal wieder auf dem linken Auge blind, ja?"). Die politische Debatte und der temporeich erzählte Kriminalfall, bei dem die Auflösung der Täterfrage oft in den Hintergrund tritt, fallen damit unterm Strich sehr überzeugend aus, doch im Hinblick auf die Besetzung der kleineren Nebenrollen schwächelt der Film: Gleich mehrere Schauspieler bringen hier kein gehobenes Primetime-Niveau mit. Ganz anders die Hauptdarsteller: Anja Kling liefert als Spitzenpolitikerin eine Spitzenperformance ab und auch Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz harmonieren in Dunkle Zeit besser als im enttäuschenden Vorgänger Böser Boden. Darüber hinaus ist der 1039. Tatort interessant für die Figurenentwicklung: Die sensible Grosz verweigert Falke das Duzen und zeigt sich nach einem aufbrausenden Kommentar verletzter, als der es für möglich gehalten hätte. Nach Feierabend dürfen wir die Afghanistan-Rückkehrerin aber noch nicht erleben - anders als Falke, der die Politikverdrossenheit seines Sohnes Torben (Levin Liam) nicht unkommentiert lässt. Gut so.

Bewertung: 7/10

Kommentare:

  1. Es fehlte eigentlich nur noch der perfekt Deutsch sprechende syrische Flüchtling,Akademiker selbstverständlich und der besoffene Neonazi im Jogginganzug. Für die AfD sind solche Propagandafilmchen allerdings ein Glücksfall, das treibt ihr Wähler zu, weil selbst ein schlichter Geist mittlerweile den "Erziehungsauftrag" der öffentlich-rechtlichen bemerkt hat und entsprechend reagiert. ;-)

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  2. Ich finde es beschämend und antidemokratisch wie hier Stimmungsmache betrieben wird. Das "Volk" wird verdummt und schaut sich vermutlich so etwas noch an. Hut ab vor den Schauspielern, welche solche Rollen ablehnen und sich durch Leistung hocharbeitem!

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  3. Vorgestern Abend hatte ich beim Tatortfilm „Dunkle Zeiten“ ein Déjà-vu´. Als Erstklässler durfte ich in der Schule den Film „Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse“ ansehen und war begeistert. Es hat lange gedauert bis mir als erwachsener Mann bewusst wurde, wie man Agitation geschickt verpackt. Ein spannend gestalteter Film (natürlich auf das Niveau des Konsumenten angepasst) der unterschwellig eine Botschaft transportiert. Der Buhmann darf nicht zu schlecht dargestellt werden, das wäre zu durchsichtig. Aber der eigentliche Held ist moralisch höherstehend und den Dingen weit überlegen, auch wenn er gelegentlich versagt. So auch vorgestern. Da ist die nicht unsympathisch rüberkommende Parteichefin der rechtspopulistischen Partei. Obwohl intelligent, ist sie zu dumm zu bemerken, wie andere hinter ihren Rücken die Strippen ziehen. Ihre politischen Argumente sind natürlich pseudo und verfangen nur bei den Dummies im Volke (das muss man geschickt mit Mimik der Schauspieler und Stimmungsbildern verpacken). Selbstverständlich ist die Partei in korrupte Machenschaften verwickelt – das haben die „Rechten“ schon in den Genen. Und wenn in der Antifa gewaltbereite Extremisten vorkommen, dann sind diese natürlich eingeschmuggelt – Von wem? Natürlich von den Rechtspopulisten! Außerdem sind es Russlanddeutsche (die in der linken Willkommenskultur ohnehin nicht so ganz willkommen sind). Und dann bedarf es noch eines Seitenhiebes auf den Verfassungsschutz (der unbeholfen und saumselig wirkt und zur Mithilfe erst „überlistet“ werden muss) und die Bundeswehr (da gibt es die Sympathisanten in Uniform). Alle Klischees gut verpackt!
    Eigentlich dachte ich, nach meiner Übersiedlung ins freie Deutschland diese üble Form von Agitation hinter mir gelassen zu haben. Schade, dass es doch nicht so ist und die Öffentlich Rechtlichen eine willige Plattform bilden. In Abwesenheit der nicht mehr vorhandenen Zuständigen sollte man dem Drehbuchautor den Karl-Marx-Orden zusammen mit der „Ehrennadel für Verdienste im sozialistischen Bildungswesen in Gold“ verleihen.

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