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Der rote Schatten

Folge: 1031 | 15. Oktober 2017 | Sender: SWR | Regie: Dominik Graf

So war der Tatort:

Bild: SWR/Sabine Hackenberg
Verschwörungstheoretisch. Denn Regisseur Dominik Graf (Frau Bu lacht) schlägt in seinem vierten Tatort den Bogen zum vierzig Jahre zurückliegenden Deutschen Herbst: In der Nacht zum 18. Oktober 1977 nahmen sich die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der JVA in Stuttgart-Stammheim das Leben, ihre Mitstreiterin Irmgard Möller überlebte schwer verletzt. Wenige Stunden zuvor hatte das GSG-9-Kommando die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" befreit - die RAF antwortete mit der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Zur Todesnacht in Stammheim hat Graf seine ganz eigene Theorie parat, die in krassem Widerspruch zur offiziellen Version steht: War es womöglich kein Selbstmord, sondern gezielt vertuschter Mord? Die Denkanstöße des zehnfachen Grimme-Preisträgers, der das Drehbuch zu Der rote Schatten gemeinsam mit Raul Grothe schrieb, dürften für kontroverse Diskussionen sorgen, denn die damaligen Schlampereien werden in seinem sperrigen Politthriller schonungslos aufgearbeitet. Dank der authentischen Inszenierung verwischen dabei oft die Grenzen zwischen Realität und Fiktion: Dokumentarisches Material wie den Hilferuf des entführten Schleyer oder die Verhaftung von Baader & Co. kombiniert Graf mit nachgedrehten 70er-Jahre-Szenen und streut diese regelmäßig in das Geschehen im Hier und Jetzt ein. Den Generationsunterschied spiegelt der Filmemacher in den Stuttgarter Hauptkommissaren: Während Thorsten Lannert (Richy Müller) die Ideologie der RAF in ihren Grundzügen geteilt und Gudrun Ensslin sogar in einer WG kennengelernt hat (wie uns Richy Müller bereits vorab im Interview verriet), kennt Sebastian Bootz (Felix Klare) den "Krieg der Kinder gegen ihre Väter" nur aus den Medien und wird so für das jüngere TV-Publikum zur Identifikationsfigur.
Lannert: "Worum uns die RAF gebracht hat, war die Neugier. Und die Sehnsucht, die damals herrschte - politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt."
Der rote Schatten ist ein mutiger und unbedingt sehenswerter, allerdings auch stark überfrachteter Tatort, denn das 90-minütige Korsett der Krimireihe engt den Film spürbar ein: Nicht von ungefähr hat Graf einen zehn Minuten längeren Director’s Cut schneiden lassen, auf den das TV-Publikum aber (zunächst) verzichten muss. Wer sich auf einen klassischen Krimi nach altbewährtem Schema gefreut hat, dürfte früh die Lust an diesem komplexen Politthriller verlieren, dabei verlangt Graf dem Zuschauer weniger ab als sonst: Anders als im umstrittenen Vorgänger Aus der Tiefe der Zeit verzichtet der Filmemacher auf inszenatorische Fingerübungen und das für ihn typische, oft anstrengend hohe Erzähltempo, das im Vergleich zum normalen Tempo im Tatort aber immer noch sehr sportlich ausfällt. Neben der Aufarbeitung der RAF-Todesnacht, die vor allem Lannert vorantreibt, will ja schließlich auch noch ein Mordfall in der Gegenwart gelöst werden: Die Kommissare finden einleitend im Kofferraum von Christoph Heider (Oliver Reinhard, Im Alleingang) die Leiche seiner Ex-Frau Marianne, die in ihrer Badewanne ums Leben gekommen ist. Hier stellt sich dieselbe Frage wie in Stammheim: Gezielter Mord oder Selbstmord? Ins Visier der Ermittler gerät neben Tochter Luisa (überzeugendes Debüt: Leonie Nonnenmacher) auch Heiders Freund Wilhelm Jordan (glänzend: Hannes Jaenicke, Atemnot), der von ihrer Lebensversicherung profitieren würde. Über den abgehalfterten Zocker, der früher als V-Mann in höchsten RAF-Kreisen tätig war und die gesuchte Terroristin Astrid Frühwein (eiskalt: Heike Trinker, Erfroren) in seiner Gartenlaube versteckt, wird der titelgebende lange Schatten der Stammheimer Schreckensnacht mit der Gegenwart und dem realen Kampf gegen die RAF verknüpft - die hat sich zwar 1998 offiziell aufgelöst, beschäftigt Oberstaatsanwalt Lutz (Friedrich Mücke, spielte zweimal den Hauptkommissar Henry Funck im Tatort aus Erfurt) aber noch immer. Zwar ist die Täterfrage im Hinblick auf Heiders rätselhaften Tod früh beantwortet, doch bleibt sie nicht die letzte Leiche, so dass der Spannungsbogen nie in den Keller fällt und bei der etwas hektisch zusammengeschusterten Auflösung wie gewohnt mitgerätselt werden darf. Der Konflikt zwischen der Kripo, der Staatsanwaltschaft und einer ihr übergeordneten Behörde (hier: der Verfassungsschutz) wurde in der Krimireihe aber schon ein paar Mal zu häufig erzählt, als dass diese Machtspielchen noch wirklich mitreißen würden.

Bewertung: 7/10

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