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Sturm

Folge: 1019 | 17. April 2017 | Sender: WDR | Regie: Richard Huber

So war der Tatort:

Bild: WDR/Frank Dicks
Spektakulär. Und das nicht nur aufgrund der für Dortmunder Verhältnisse fast irritierenden Harmonie: Wenn eines bei den bisherigen neun Tatort-Folgen aus der Stadt in Westfalen sicher war, dann die offen vorgetragenen Misstöne und privaten Störfeuer, durch die der Mordfall oft aus dem Blickfeld geriet. Beim zehnten Einsatz der Hauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und der Oberkomissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) ist alles ganz anders: Angesichts der packenden Geschichte und des denkwürdigen Finales gerät es am Ende fast zur Randnotiz, dass zwischenmenschliche Scharmützel in Sturm hintenanstehen müssen, weil alle vier Kommissare bei den Ermittlungen bis an ihre Grenzen gehen. Besonders spektakulär wird es für Faber: Nach einem doppelten Polizistenmord in der Dortmunder Innenstadt entdeckt er im Büro einer nahegelegenen Bank den Angestellten Muhamad Hövermann (Felix Vörtler, Narben) beim hektischen Ausführen zahlreicher Überweisungen am Computer - und als er das Büro stürmt, einen Sprengstoffgürtel an dessen Körper. Was hat Hövermann vor - und handelt er aus eigenem Antrieb oder agiert noch jemand im Hintergrund? Ähnlich wie in Sidney Lumets berühmtem Hollywood-Klassiker Hundstage oder in F. Gary Grays Verhandlungssache ergibt sich eine klassische SEK vs. Geiselnehmer-Konstellation - dabei ist Faber freiwillig in der Bank, setzt dem Täter mit trockenem Wortwitz zu und verweist im kurzen Gespräch mit dessen verbittertem Sohn Bernie (Christian Ehrich, Kunstfehler) auf einen explosiven Kölner Tatort von 1997 ("Alles super hier, Bombenstimmung!") und einen Frankfurter Tatort-Meilenstein von 2010.
Hövermann: "Warum darf er nicht gehen?"
Faber: "Weil ich böse bin."
Die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner (Eine Frage des Gewissens) und Martin Eigler (Freigang) geben sich mit dieser altbekannten Ausgangslage allerdings nicht zufrieden und gehen noch einen Schritt weiter: Obwohl sich die Situation in der Bank von Minute zu Minute zuspitzt, ist bald klar, dass von Hövermann eine eher geringe Gefahr ausgeht. Ähnlich wie im hochklassigen Hamburger Tatort Der Weg ins Paradies lassen die Filmemacher radikale Islamisten auf die Großstadt los, setzen sich nebenbei erfreulich differenziert mit dem Islam auseinander und kreieren ein brenzliges Echtzeit-Szenario, bei dem die Dortmunder Kommissare über weite Strecken auf sich allein gestellt sind und bitter dafür bezahlen - was vor allem Aylin Tezel die Möglichkeit für eine fantastische Performance bietet. Zeit für einen flotten Spruch bleibt zwischendurch trotzdem - zum Beispiel dann, wenn Dalay kurz ihre Nase in die Bank steckt und prompt von Faber angepflaumt wird ("Nächstes Mal bringen Sie 'nen Kaffee mit!"). Und just in dem Moment, in dem sich nach einer guten Stunde der erste Hänger einzuschleichen droht, setzen die Filmemacher mit einem Schockmoment ein aufwühlendes Ausrufezeichen: Es bleibt nicht der letzte Wirkungstreffer in einem Dortmunder Tatort, in dem es am Ende Schlag auf Schlag geht und in dem dem Publikum kaum Zeit bleibt, seine Gedanken neu zu sortieren. Auf der Zielgeraden wird die Spannungsschraube kontinuierlich angezogen: Sturm, der wegen des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt gleich zweimal verschoben wurde, gipfelt im bis dato fulminantesten Schlussakkord in der Geschichte der Krimireihe und dürfte nicht wenige Zuschauer perplex in die Nacht entlassen. Auch handwerklich ist der 1019. Tatort erste Sahne, denn neben dem grandiosen Finale setzt Regisseur Richard Huber (Auf einen Schlag) zum Beispiel auch die erste Begegnung von Faber und Hövermann großartig in Szene: Während der Kommissar mit der Waffe droht und der Kriminelle den Finger am Auslöser der Bombe hat, blicken sich die beiden zum fast unerträglichen Gepiepse des Timers und heulenden Polizeisirenen sekundenlang in die Augen. Ein unheimlich intensiver Moment, in dem die Weichen früh auf Hochspannung gestellt werden. Der Soundtrack von Dürbeck & Dohmen ist bewusst minimal gehalten, verstärkt die vielen Gänsehautszenen aber gekonnt - zum Beispiel dann, wenn Kossik sich allein in eine ehemalige Wohnwagensiedlung begibt und dort in Gefahr gerät. So steht unter dem Strich der bis dato beste Dortmunder Tatort aller Zeiten - und zugleich ein visuell herausragender und hochemotionaler Actionthriller, der von Minute 1 an mitreißt und noch lange nachwirkt. Chapeau!

Bewertung: 10/10

Kommentare:

  1. Ich kann mich Ihrem Kommentar nur voll anschließen! Diesr Tatort war in jeglicher Hinsicht etwas ganz Besonderes und spielt in einer eigenen Liga! Bitte mehr solche Hammertatorte!

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    1. Super dieser verrückte faber u auch die anderen Schauspieler haben sich in dem total spannenden Tatort (endlich wieder mal) super eingebracht u einen schönen
      Montag abend geliefert!!! Weiter so

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  2. Top! Spannung bis zum Schluß - mit Botschaft! Farber - das war echt super!!!

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  3. Mir bleibt die Spucke weg!! Eine der besten Tatortfolgen, die Ich je gesehen habe!! Hoffentlich machen die Dortmunder noch lange weiter(bitte,bitte!!)

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  4. Der beste Tatort seit langen. Spannung von der ersten bis zur letzten Sekunde und das mit Tiefe. Super

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  5. Hervorragend dieser Tatort. Hochspannend vom Beginn bis zum packenden Schluß.Mit Abstand der beste Tatort aus Dortmund, einer der besten dieser Reihe überhaupt. Beklemmend allerdings, dass hierfür dieses aktuelle Thema, das uns alle auf schreckluche Weise betrifft, mit verantwortlich ist.

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  6. So oft schon hatte ich mir vorgenommenen den Fernseher für einen Tatort nicht mehr einzuschalten.
    Gut das ich am heutigen Abend mein Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt habe.
    Von der ersten bis zur letzten Sekunde war das der Hammer, einfach nur genial. Bitte mehr davon.

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  7. Endlich mal wieder ein spannender Tatort, der zum Schluss überraschend ist und Nerven aufreibend und zum Schluss ist man völlig platt und fast sprachlos. Faber war richtig gut gespielt und ich habe schon lange keinen so spannenden Tatort gesehen. Extraklasse.

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  8. Extraklasse. Sehr spannend und gut gespielt besonders Jörg Hartmann. Bin erschüttert und platt gewesen am überraschenden traurigen Ende.

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  9. Starker Toback extrem realistisch Top Spannung ✔

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  10. Die letzten gefühlten 100 Folgen waren beinahe alles Flops. Sturm bricht mit diesem Trend beeindruckend und erfüllt die Erwartungen an das Formt und den Sendeplätze. Schickt die Münsteraner und Co in Rente!

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  11. Wir das heißt meine frau u ich sind vom verückten faber überaus angetan u die umsetzung im film von allen schauspielerin war grandios!!! Bitte weiter so

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  12. Ich fand den Schluss extrem brutal, unnötig und unsinnig.
    Die Handlung war doch eigentlich schon zu Ende erzählt.
    Es gab keinen Sprengstoff im Gürtel.Warum in der letzten Szene im Auto plötzlich doch? Schade, dass es nötig ist mit solcher Brutalität Eindruck zu machen.

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    1. Ganz und gar deiner Meinung. Allerdings, vom optischen her gesehen, war die Endszene schon gut, nur wie gesagt irgendwie "dran geklebt". Ich wunderte mich auch, warum da plötzlich ein echter Sprengstoffgürtel auftaucht. Und ausserdem, wie man es aus dem Film Miami Vice von Michal Mann lernen kann, schießt ein echter Polizist in solchen Situationen das Gehirn des Bösewichts tot, sodass der Typ garnicht mehr dazukommt den Knopf zu drücken. So lahm hätte ich mir Faber und seine Kollegin nicht vorgestellt. Peinlich und hoffentlich kein Indiz für die Fähigkeiten deutscher Polizisten.

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  13. Weil es ein anderes, völlig radikalisierten, verblendetes Individuum hab, das in seiner irrationalen pseudo-islamischen Teufelskriegermanier seine Mission bis zu bitteren Ende ohne Rücksicht auf Verluste durchzog. So funktioniert Terror (siehe Titel).

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  14. So ein Quatsch. Ich sehe den Dortmunder Tatort leider immer wieder einmal um zu sehen ob es denn diesmal klappt. Auch diesmal leider wieder voll daneben. Neben den inhaltlichen Schwächen der Story und den Sprechtext-Dialogen, wirken die schauspielerischen Leistungen wie maues Jugendtheater. Allen voran dieser Faber, der verstörend unsympathisch wirkt wie ein Psychopath, anstelle eines durchgeknallten Kommissars. Keine Idetifikationsmöglichkeit für den Zuschauer. Leider wieder nur provinziell, Schimanski geht eben doch anders

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