Nachbarn

Folge: 1016 | 26. März 2017 | Sender: WDR | Regie: Torsten C. Fischer

So war der Tatort:

Bild: WDR/Martin Menke
Experimentierfrei. In den Wochen vor der Erstausstrahlung des 70. Falls der Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) wurde dem Tatort-Zuschauer einiges abverlangt - unter anderem Laiendarsteller außer Rand und Band im kolossal gescheiterten Ludwigshafener Impro-Experiment Babbeldasch, ein rasender Serienmörder im starken Bremer Tatort Nachtsicht und reichlich verstörende Situationskomik im herausragenden Kieler Genremix Borowski und das dunkle Netz. Drehbuchautor Christoph Wortberg (auch als Frank Dressler aus der Lindenstraße bekannt) und Regisseur Torsten C. Fischer (Wir - Ihr - Sie) bieten dagegen solides Kontrastprogramm: Ihr Kölner Tatort ist ein unaufgeregter Whodunit aus dem Lehrbuch, ein Krimi ohne Schnickschnack und Experimente, so dass vor allem die Tatort-Puristen unter den Zuschauern auf ihre Kosten kommen. Dass Nachbarn nach Wacht am Rhein und Tanzmariechen bereits der dritte Kölner Beitrag binnen zehn Wochen ist (während der wegen des Berliner Terroranschlags verschobene Dortmunder Tatort Sturm in der Schublade schmort), dürfte kaum jemanden stören: Ballauf und Schenk zählen nun mal zu den beliebtesten Ermittlern der Krimireihe. Und sind wieder voll in ihrem Element: Nach dem Mord an dem geschiedenen Mittvierziger Werner Holtkamp (Uwe Freyer) ermitteln sie ausschließlich in dessen Nachbarschaft - ähnlich wie es im Dezember 2016 ihre Frankfurter Kollegen im Tatort Wendehammer taten, in dem ebenfalls ein entsprechender Mikrokosmos konstruiert wurde. Doch anders als die hessischen Kollegen beten Ballauf und Schenk beim Abklappern der Häuser reihenweise Sätze herunter, wie wir sie im Tatort schon viele hundert Mal gehört haben.
Ballauf: "Ist in letzter Zeit irgendwas Auffälliges passiert?"
Der Mord in den Anfangsminuten, ein halbes Dutzend Tatverdächtige und ein paar Geheimnisse, die die potenziellen Täterinnen und Täter nach und nach preisgeben: Im 1016. Tatort geschieht nichts, was es im Tatort nicht schon in ähnlicher Form gegeben hätte. Die Filmemacher liefern einen Sonntagskrimi vom Reißbrett und schlagen dabei einmal mehr die Brücke zum Privatleben der Kommissare: Schenk liegt mit seinem Nachbarn wegen dessen lautstark krächzendem Papagei im Clinch - doch statt die Gelegenheit nach Jahren der Abstinenz mal wieder für einen Auftritt seiner nur noch auf dem Papier existenten Familie zu nutzen, wird dieser extrem konstruierte Nebenstrang mit dem Holzhammer in den Plot gehämmert. Es ist nicht die einzige Schwäche in diesem überzeugend besetzten, unter dem Strich aber nur durchschnittlichen Tatort, der die Eigenständigkeit oft vermissen lässt: Während in Wendehammer der überzeichnete IT-Yuppie Daniel Kaufmann (Constantin von Jascheroff) ein Faible für teure Hifi-Anlagen mitbrachte, ist es hier der undurchsichtige Jens Scholten (Florian Panzner, Der scheidende Schupo), der mit seiner Frau Hella (Julia Brendler, Borowski und die Kinder von Gaarden) und seiner Tochter Paulina (Lilli Lacher) zwei Häuser weiter wohnt. Auch der Auftritt der alkoholisierten Anne Möbius (Birge Schade, Land in dieser Zeit), deren Ehe mit ihrem Mann Frank (Stephan Grossmann, Die fette Hoppe) kriselt und die vor den Augen der erstaunten Kommissare mit dem Martini in der Hand einen seltsam entrückt wirkenden Solotanz zu Bruce Springsteens Hungry Heart aufs Parkett legt, kommt uns irgendwie bekannt vor: Im schrägen Konstanzer Tatort Wofür es sich zu leben lohnt war es 2016 die labile Anna Krist (Julia Jäger), die bei einem Glas Rotwein und Sinead O’Connors Troy alles um sich herum vergaß. Während hier zumindest der Griff in die Plattenkiste glückt, schlägt er anderer Stelle fehl: Szenen aus dem nur oberflächlich heilen Nachbarschaftsleben werden gleich mehrfach plump mit Pharrell Williams‘ Chartbreaker Happy ironisiert. Deutlich mehr Spaß macht Nachbarn im Hinblick auf die Suche nach der Auflösung: Wenngleich die deutlich gestreuten Hinweise im Umfeld von Nachbar Leo Voigt (Werner Wölbern, Der hundertste Affe) und seiner psychisch erkrankten Stieftochter Sandra (Claudia Eisinger, Feierstunde) alte Krimihasen kaum hinterm Ofen hervorlocken dürften, bleiben die genauen Zusammenhänge bis zum Schluss offen. Klassisches und unaufgeregtes Miträtseln ist im Tatort im Jahr 2017 längst nicht mehr selbstverständlich - und so bietet dieser bodenständige Beitrag vom Rhein fast schon eine angenehme Abwechslung zu den vielen Tatort-Experimenten in anderen Städten.

Bewertung: 5/10


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