Echolot

Folge: 998 | 30. Oktober 2016 | Sender: Radio Bremen | Regie: Claudia Prietzel und Peter Henning

So war der Tatort:

Bild: Radio Bremen/Christine Schroeder
Zukunftsorientiert. Wie in jedem Jahr veranstaltet die ARD nämlich auch 2016 wieder eine Themenwoche, der sie in ihrem Programm vieles unterordnet - und da darf der Tatort am Sonntagabend nicht fehlen. In der Vergangenheit ging dieser Ansatz allerdings oft in die Hose - man denke nur an den Berliner Totalausfall Dinge, die noch zu tun sind oder den Kieler Durchschnittskrimi Borowski und eine Frage von reinem Geschmack. 2016 lautet das Motto Zukunft der Arbeit - und so verschlägt es die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) in Echolot prompt in ein hippes Start-up-Unternehmen, das in Sachen Digitalisierung ganz vorne mitspielt. In der ausschließlich von überzeichneten Hipstern und Nerds betriebenen IT-Schmiede sieht alles genauso aus, wie man es sich vorstellt: Schräge Büromöbel und teure High-Tech-Geräte füllen die chaotischen Räume eines von außen tristen Backsteingebäudes (Stedefreund: "Hier wurde früher Kaffee geröstet."), auf den Designertischen der Think Tanks stehen neonfarbene Elektrolytgetränke und im Empfangsbereich findet sich sogar Platz für einen Käfig mit Kanarienvögeln. Nur einen Fahrstuhl gibt es in dem Gebäude nicht - was den Entwickler und Rollstuhlfahrer Paul Beck (Christoph Schechinger, Unter Druck) freilich nicht davon abhält, regelmäßig an Meetings im Obergeschoss teilzunehmen. Vielleicht verleihen die Drinks ja Flügel? Das würde zumindest den Firmennamen erklären: Alles in den heiligen Hallen von "Golden Bird Systems" (GBS) trieft vor Klischees und wirkt schrecklich künstlich - zum Beispiel dann, wenn "Chief Financial Officer und Board Member" (!) Kai Simon (Lasse Myhr, Frohe Ostern, Falke) stolz die Firmenphilosophie herunterbeten und für beeindruckte Blicke bei den Kommissaren sorgen darf.
Simon: "Wir haben hier Arbeitsflexibilität. Hauptsache, der Output stimmt."
Der 998. Tatort erzählt einen mutigen, aber ziemlich (w)irren Whodunit und fällt dabei deutlich weniger unterhaltsam aus als der tolle Stuttgarter Tatort HAL - die bis dato futuristischste Ausgabe der Reihe. So sehr die Digitalisierung die Arbeitswelt verändern und unseren Alltag erleichtern mag, so sehr scheint sie den Filmemachern diesmal das Geschichtenerzählen zu erschweren: Auch in Echolot finden sich viele Sci-Fi-Anleihen, die allerdings keine Spannungsmomente generieren. Vielmehr erweist sich der ewige Blick durch VR-Brillen, auf kryptische Zahlencodes oder wackelige Tablet-Videos auf Dauer als ziemlich zähe Angelegenheit. Passend zur Themenwoche scheint es den Drehbuchautoren Peter Henning (Ordnung im Lot) und Christine Otto in erster Linie ein großes Anliegen zu sein, ihrem Publikum die Schattenseiten des technischen Wandels vor Augen zu führen: Im Jahr 2016 ist (fast) alles digital vernetzt, was im Film auch dem Mordopfer zum Verhängnis wird. GBS-Mitgründerin Vanessa Arnold (Adina Vetter, Deckname Kidon) stirbt durch eine Manipulation der Steuerung ihres Wagens, lebt aber als digitale Kopie weiter: "Nessa" ist das Vorzeigeprojekt ihres Start-up-Unternehmens, doch der vermeintlich riesige Nutzen der lebensechten Animation bleibt bis zum Schluss nebulös. Weckte HAL dank Big Data sogar das Interesse des LKA, scheint Nessas wichtigste Funktion darin zu bestehen, die sexuellen Phantasien ihrer notgeilen Entwickler zu bedienen und auf dem lukrativen Pornomarkt Investoren auf den Plan zu rufen. Schwung in den Krimi bringt eher Linda Selb (Luise Wolfram), die sich deutlich kantiger gibt als die ähnlich technikaffine Ludwigshafener Kollegin und Nervensäge Johanna Stern (Lisa Bitter): Die ehrgeizige BKA-Kollegin, die auch in Zukunft zum Team zählen soll, zeigt Stedefreund nach dem Techtelmechtel in Der hundertste Affe die kalte Schulter, bringt ihn mit ihrer trockenen Art aber regelmäßig zum Staunen. Nennenswert aufwerten tut das den Krimi aber ebenso wenig wie die vorhersehbare Auflösung, zumal eine andere Figur ein Totalausfall ist: Die kleine Lilly Arnold (Emilia Pieske) fotografiert ihre tote Mutter mit dem Tablet und benimmt sich überaus seltsam - die hohe Technikaffinität der Verstorbenen und ihres im Silicon Valley (natürlich!) lebenden Vaters David Arnold (Matthias Lier, Allmächtig) wirkt als alleinige Erklärung für ihre rätselhafte Art der Trauer ziemlich dünn. Und Lürsens Vorgesetzte und Tochter Helen Reinders (Camilla Renschke)? Die darf exakt fünf Sätze sagen und wird im Bremer Tatort zielstrebig aufs Abstellgleis geschoben.

Bewertung: 3/10

Kommentare:

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  2. Ich möchte hier eigentlich nur der Redaktion beistimmen dies war einer der schlechtesten Tatorts die ich in den letzten 2-3 Jahren gesehen habe. Ohne vulgär oder aggressiv zu sein möchte ich den Verantwortlichen nahe legen es beim nächsten Mal besser zu machen oder sich wirklich eine andere Berufung zu suchen. Dieser Tatort war schon grenzwertig schlecht, bzw. beleidigend. Hier fließt noch nicht mal ein, dass man bereits nach 20-30 Minuten wusste wie der Mord passiert ist oder die monatliche Gebühr die jedermann hier zu Lande zahlt.

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