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Der König der Gosse

Folge: 995 | 2. Oktober 2016 | Sender: MDR | Regie: Dror Zahavi

So war der Tatort:

Bild: MDR/Gordon Mühle
Mohrlos - aber deswegen noch lange nicht humorlos. Das vorab geheim gehaltene Ableben von Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase) war sicherlich der bemerkenswerteste Moment im Dresdner Tatort Auf einen Schlag, in dem die Hauptkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) ihren Einstand feierten - doch trotz dieser überraschenden Wendung, die nur die BILD-Zeitung vorab gespoilert hatte, fiel das neue Team bei großen Teilen des Publikums durch. Zu albern war vielen der im Schlagermilieu spielende Krimi, zu zickig das Auftreten der emanzipierten Ermittlerinnen - und so war es vor allem dem an Bernd Stromberg angelehnten Ekel-Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) zu verdanken, dass Auf einen Schlag bei weitem nicht zu dem Desaster wurde, zu dem es viele Zuschauer schlechtredeten. Auch in Der König der Gosse, bei dem erneut die Stromberg-Autoren Ralf Husmann und Mika Kallwass am Ruder sitzen, ist Schnabel der Lichtblick: Statt von der kessen Mohr aus der Reserve gelockt zu werden, bandelt der Kommissariatsleiter, der seinen Kaffee am liebsten aus einer "Schnabel-Tasse" trinkt, mit der biederen Kollegin Wiebke Lohkamp (Jule Böwe, Eine andere Welt) vom Betrugsdezernat an. Die ohnehin schon flache Spannungskurve stürzt bei diesen amüsanten Handlungsschlenkern naturgemäß in den Keller - doch weil Schnabel außerdem darauf besteht, dass "die Wiebke" den Kommissarinnen unter die Arme greift, geht es zumindest im Ermittlerteam wieder heiß her, und Spaß macht das Ganze auch. Überhaupt mangelt es dem Krimi nicht an humorvollen Dialogen und pfiffigen One-Linern - man denke nur an den Besuch der Kommissarinnen in einem italienischen Nobelrestaurant, in dem Gorniak fix das versäumte Abendessen nachholt.
Gorniak: "Hier gibt's 'n gemischten Salat für 11 Euro. Womit ist der gemischt? Mit 8 Euro?"
Dass sich Gorniak und Sieland überhaupt in das Restaurant verirren, liegt am Lebenswandel des Mordopfers: Der später ermordete Sozialunternehmer Hans-Martin Taubert (Michael Sideris, Heimspiel) ließ sich von den drei Obdachlosen Hansi (Arved Birnbaum, Hochzeitsnacht), Platte (David Bredin, Preis des Lebens) und Eumel (Alexander Hörbe, Kalte Wut) zum Italiener begleiten, doch die Minuten vor dem ersten Mordanschlag hat die selbsternannte Security-Truppe offenbar volltrunken verschlafen. Neben Bruder Hajo Taubert (Urs Jucker, Kleine Prinzen) gerät auch Konkurrenz-Unternehmer Gerald Schleibusch (Stephan Baumecker, Edel sei der Mensch und gesund) ins Visier der Ermittler, so dass der Der König der Gosse als Kreuzung aus Milieustudie und klassischem Whodunit passabel funktioniert, doch der Film krankt an zwei entscheidenden Schwächen: Spannend ist der humorvoll angehauchte Krimi selten, und sämtliche Obdachlosen sind überzeichnete Witzfiguren, die bei einem Hungerstreik im Präsidium sogar der Lächerlichkeit preisgegeben werden ("Gleich, wenn ich das hier aufgegessen habe!"). Der von Hauptdarstellerin Alwara Höfels betonte ernsthafte Anspruch des Films wird dadurch untergraben: Wie sehr es der Milieuskizze an Tiefgang fehlt, zeigt zum Beispiel der Vergleich zum Berliner Beitrag Das Muli oder zum Dortmunder Tatort Hydra. Wie von vorgestern klingen zudem die müden Diskurse über die Rolle von Mann und Frau, die kaum dazu beitragen dürften, dass das erste weibliche Ermittlerduo der Tatort-Geschichte sein Emanzen-Image beim TV-Publikum schnell wieder los wird. Einen doppelt ärgerlichen Verlauf nimmt der Film in diesem Zusammenhang kurz vor der Auflösung: Auf die Spur des Täters gelangt Schnabel nur, weil er den starken Mann markiert - was dem sprichwörtlichen "schwachen Geschlecht" nicht geglückt ist, gelingt dem Chauvi-Chef problemlos, weil er mit der Faust auf den Tisch haut. Doch hätte Schnabel den Zeugen schon zu Beginn entsprechend energisch befragt, wäre der 995. Tatort nach einer halben Stunde zu Ende gewesen. Dass die Standardlänge von 88 Minuten erreicht wird, liegt auch am ausführlich illustrierten Privatleben der Ermittler: Während Gorniak die Eskapaden ihres Sohnes Aaron (Alessandro Emmanuel Schuster) auf die Palme bringen, schlittert Sieland in eine Beziehungskrise mit ihrem Freund Ole Herzog (Franz Hartwig). Der Streit vor einem spontanen Abendessen mit den drei Obdachlosen ist zugleich die amüsanteste Szene in einem Dresdner Tatort, in dem sich Licht und Schatten die Waage halten.
Sieland: "Du bist doch der Erste gewesen, der mit so 'nem scheiß REFUGEES WELCOME-T-Shirt durch die Gegend gerannt ist!"
Herzog: "Aber EINHEIMISCHE WELCOME hab ich nicht angezogen!"
Bewertung: 5/10

Kommentare:

  1. Unerträgliche arrogante Polizistenweiber. Nie wieder.

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  2. Totaler Quatsch. Das war doch kein Krimi. Immer diese privaten Probleme der Kommissare, das nervt!

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  3. Also mir hat's gefallen. Wenn die sich so weiter steigern wie im Vergleich zur ersten Folge dann gibt's das nächste Mal eine richtig gute Bewertung.

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  4. Sorry, aber für mich vom Filmerlebnis sicherlich einer der besten Tatorte der letzten Monate. Die schlechte Bewertung kann ich nicht verstehen.

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