Narben

Folge: 985 | 1. Mai 2016 | Sender: WDR | Regie: Torsten C. Fischer

So war der Tatort:

Bild: WDR/Uwe Stratmann
Normal. Denn beim Kölner Beitrag Narben kommen am Maifeiertag 2016 vor allem jene Zuschauer auf ihre Kosten, die sich nach den turbulenten letzten Wochen "endlich mal wieder einen normalen Tatort" wünschen: Nach dem sperrigen Münchner Milieuthriller Mia san jetz da wo's weh tut, dem packenden Frankfurter Psychothriller Die Geschichte vom bösen Friederich und dem vieldiskutierten Weimarer Klamaukfeuerwerk Der treue Roy liefert der WDR diesmal unaufgeregte Krimi-Kost, wie man sie seit Jahren aus Köln gewöhnt ist. Dabei ist es "schon wieder was mit Flüchtlingen": Teile des Publikums beschwerten sich in den Monaten vor der Erstausstrahlung über die vermeintliche Einseitigkeit der Drehbücher, und so ganz Unrecht haben diese Kritiker nicht: Die Tatort-Autoren verarbeiten nun mal gern das aktuelle Zeitgeschehen, und so zählten zuletzt oft skrupellose Schleuser, mittellose Flüchtlinge oder illegale Einwanderer zum Kreis der Tatverdächtigen. Das ist in Narben, den Regisseur Torsten C. Fischer (Der Fall Reinhardt) mit ruhiger Hand inszeniert, ganz ähnlich: Der kongolesische Arzt Dr. Patrick Wangila (Jerry Elliott) wird erstochen vor einem Kölner Klinikum aufgefunden - und eine der ersten Spuren führt die Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die wie gewohnt von Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen) und Gerichtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) unterstützt werden, in ein Flüchtlingsheim. Dort ist zuvor eine ebenfalls aus dem Kongo stammende Frau in den Tod gestürzt, ihre beste Freundin Cecile Mulolo (Thelma Buabeng, Ihr Kinderlein kommet) gilt zudem als verschwunden. Bis zu dieser Erkenntnis sieht alles nach einem stinknormalen Beziehungsdrama aus:
Schenk: "Vielleicht lieg' ich mit meinem Arztroman ja doch nicht so ganz falsch."
Der Kommissar scheint mit seinem unverhohlenen Schubladendenken zunächst richtig zu liegen, denn neben Ehefrau Vivien Wangila (Anne Ratte-Polle, Hundstage) hatten wohl auch Kollegin Dr. Sabine Schmuck (Julia Jäger, Heimatfront) und Krankenpflegerin Angelika Meyer (Laura Tonke, Vielleicht) ein Auge auf den ermordeten Arzt geworfen. Mit dem Besuch im Flüchtlingsheim hievt Drehbuchautor Rainer Butt (Im Alleingang) die Geschichte aber auf eine neue Ebene: Schnell wird deutlich, dass der Tote kein unbescholtener Vorzeigemediziner war. Vielmehr schlagen die Filmemacher den Bogen zum Bürgerkrieg im Heimatland des Toten - doch anders als in Manila oder Blutdiamanten dürfen die einstigen Globetrotter Ballauf und Schenk die Domstadt diesmal nicht verlassen. Auch die obligatorische Stippvisite an der Currywurstbude fällt aus (soll aber in Zukunft wieder stattfinden, wie Dietmar Bär uns im Interview verriet). Ansonsten geht alles seinen gewohnten Gang: Eine gute Stunde lang reiht sich in Narben eine "In welchem Verhältnis standen sie zum Toten?"-Befragung an die nächste, ohne dass die Geschichte dabei an Fahrt aufnähme. Überraschungsmomente sind trotz des interessanten Themas Mangelware, vielsagende Blicke hinter den Rücken der Kommissare verraten dem Zuschauer mehr als die Antworten der Verdächtigen, und von den Befragten wird eine Person auffallend ausführlich skizziert - wer nicht zum ersten Mal einen Tatort schaut, dürfte keine große Mühe haben, die Auflösung der klassischen Whodunit-Konstruktion vorherzusagen. Erst auf der Zielgeraden kommt der dialoglastige Krimi auf Touren: Der Showdown wirkt zwar etwas konstruiert, ist aber zumindest spannend in Szene gesetzt. Hier darf sich schließlich auch Psychologin Lydia Rosenberg (Juliane Köhler, Wahre Liebe) aktiv ins Geschehen einschalten, statt wie bei so manchem ihrer bisherigen vier Auftritte im Kölner Tatort nur mit dem ewigen Junggesellen Max Ballauf anzubandeln. Am durchschnittlichen Gesamteindruck ändert das nichts: Nach Benutzt und Kartenhaus bewegt sich der Krimi aus der Domstadt 2016 weiterhin im grauen Mittelmaß.

Bewertung: 5/10

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