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Der hundertste Affe

Folge: 987 | 16. Mai 2016 | Sender: Radio Bremen | Regie: Florian Baxmeyer

So war der Tatort:

Bild: Radio Bremen/ARD Degeto
Rasant. Denn in Der hundertste Affe schalten die Filmemacher früh von null auf hundert: Regisseur Florian Baxmeyer (Die Wiederkehr), der bereits zum elften Mal einen Tatort im kleinsten deutschen Bundesland inszeniert, legt ein halsbrecherisches Erzähltempo vor und bricht dabei mit einigen Konventionen der Krimireihe. Die gemütliche Tätersuche fällt aus: Nach einer kurzen Einleitung, in der die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) vor den Trümmern ihrer Ermittlungen stehen ("Wir haben's verbockt!"), springt die Handlung ein paar Stunden zurück und das Geschehen wird chronologisch aufgerollt - Uhrzeiteinblendungen in bester 24-Manier inklusive. Die jungen Terroristen Luisa (Friederike Becht), Sven (Franz Pätzold, Hydra) und Dabo (Jerry Hoffmann) drohen mit einem Giftanschlag aufs Bremer Trinkwasser, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden: Wissenschaftler Dr. Urs Render (Manfred Zapatka, Havarie) soll sich öffentlich zu den Machenschaften seines Arbeitgebers bekennen - einem Biotech-Konzern, der ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt Millionen mit genmanipuliertem Saatgut und Pestiziden verdient. Wie schon in Wer Wind erntet, sät Sturm stehen wieder radikale Umweltaktivisten im Blickpunkt dieses Tatorts - und wie schon beim letzten Mal feuern sie auch in Der hundertste Affe aus allen Rohren mit Plattitüden. Die toughe Luisa und der verliebte Sven reiben sich in ermüdenden Streitereien auf, deren Inhalt schon im nächsten Moment wieder vergessen ist - weil sie wie aus dem Baukasten zusammengesetzt klingen und schon in Dutzenden ähnlich gelagerter Filme so oder so ähnlich zu hören waren.
Luisa: "Wir gehen bis zum Ende. Das hast du mir versprochen."
Sven: "Ja, das hab ich. Aber es war nicht vom Töten die Rede."
Die Schnittfrequenz ist atemberaubend, die Bilder oft verwackelt und die Dialoge so schnell aneinandergereiht, dass dem Zuschauer kaum Zeit bleibt, seine Gedanken zu sortieren. Ein probates Mittel zur Erzeugung von Spannung, doch die flotte Inszenierung und das echtzeitnahe Terror-Szenario können nicht über die schablonenhaften Figuren, den mangelnden Tiefgang und die Logiklöcher im Drehbuch von Christian Jeltsch (Hundstage) hinwegtäuschen: Dass in Der hundertste Affe weit über ein Dutzend Menschen sterben, gerät fast zur Randnotiz. Das Schicksal der Opfer lässt einen völlig kalt, weil es nur in Nebensätzen thematisiert wird und ein weiterer Anschlag auf die Hansestadt verhindert werden soll. Wissenschaftler Render und der wichtigtuende Stadtrat Claas Beckmann (Johannes Allmayer, Das erste Opfer) sind wie die Terroristen nur wandelnde Klischees, und der psychisch labile Sven lässt sich nach dem Kapern einer Webcam im Präsidium mit einer simplen Retourkutsche narren, statt seinen Laptop einfach abzuschalten. Deutlich glaubwürdiger gestalten sich die Machtspielchen im Krisenstab unter Leitung von Helmut Lorentz (Barnaby Metschurat, Côte d'Azur), in den neben Lürsen und Stedefreund auch Chefin Helen Reinders (Camilla Renschke) und der Kommissar vom Dienst Joost Brauer (Werner Wölbern, Kollaps) berufen wurden. Und dann ist da ja noch die neue BKA-Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram), die Stedefreund in die Horizontale bittet und auch zukünftig in Bremen ermitteln soll: "Ich bin die Beste, wenn man mich in Ruhe lässt", keift sie schon bei der ersten Begegnung und sorgt mit ihren ich-fixierten Methoden fernab des Präsidims (das sie nur im Notfall betritt) für so manchen Lacher. Der amüsante Auftritt der egozentrischen Beamtin, die stark an die schwedische Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin) aus der Krimireihe Die Brücke erinnert, ist der Lichtblick in diesem über weite Strecken seelenlosen Hochgeschwindigkeitstatort, dessen dynamische Gangart die dünne Geschichte bei weitem nicht übertünchen kann. Denn spätestens, als die kreischende Luisa beim Showdown drei Dutzend aufgeregte Journalisten mit einer Wassersprinkleranlage in Schach hält, driftet der 987. Tatort (der eigentlich der 1000. ist) sogar noch in die unfreiwillige Komik ab.

Bewertung: 3/10

Kommentare:

  1. Na ja. Das Bremen arm ist, wussten wir schon alle. Aber dass es dort nur zwei Polizisten für alles gibt ? Ein Tatort ohne Tiefgang und voller Amateure. Leider.

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  2. weit ab von der Realität, es wird eine Hektik erzeugt die weit weg vom wirklichen Beamtenleben ist, und die Helden die keine Spezialeinheiten brauchen,Forensiker im Alleingang sind auch neu, eine wirre Story, eine Zusammenarbeit aller von BKA, LKA und PI bis hin zum Wasser- Abwasserzweckverband wie es ein Lehrbuch nicht besser darstellen könnte, in welchem Bundesland funktioniert das wirklich? Ja klar und ein Rohranschluss ist einmalig und passt nur an die Wasserabsperramaturen.

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