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Tschiller: Off Duty

Kino-Tatort | 4. Februar 2016 | Sender: NDR | Regie: Christian Alvart

So war der Tatort:

Bild: © 2015 Warner Bros Entertainment
Vorspannfrei. Tschiller: Off Duty ist zwar der erste Kino-Tatort seit neunundzwanzig Jahren, hat mit dem Rest der Krimireihe aber wenig gemeinsam: kein Fadenkreuz-Vorspann, keine Leiche zum Auftakt - und er spielt außerdem nur wenige Minuten in Deutschland. LKA-Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger) ist drei Jahrzehnte nach den ebenfalls im Kino gezeigten Schimanski-Folgen Zahn um Zahn und Zabou außer Dienst, hat aber dennoch alle Hände voll zu tun: Sein Töchterchen Lenny (Luna Schweiger) ist so naiv, persönliche Rache am Mörder ihrer Mutter Isabella Schoppenroth (Stefanie Stappenbeck) nehmen zu wollen, und gerät bei ihrer Suche nach dem in Istanbul inhaftierten Firat Astan (Erdal Yildiz) erwartungsgemäß nach kurzer Zeit in Gefangenschaft. Doch es ist nicht Astan, der die junge Frau entführt: Der skrupellose Ex-Geheimagent Süleyman Seker (Özgür Emre Yildirim) will Lenny nach Moskau verkaufen, um beim einflussreichen russischen Gangsterboss Alexander Kinski (Evgeniy Sidikhin) zu punkten. Die Nähe zu erfolgreichen Hollywood-Filmen wie 96 Hours ist greifbar - und Drehbuchautor Christoph Darnstädt (Der große Schmerz), der auch die ersten vier Tschiller-Fälle konzipierte, orientiert sich bei seiner dünnen Entführungsstory außerdem stark an der Lethal Weapon-Reihe und anderen Buddy-Cop-Movies. Er setzt von Beginn an voll auf das erfolgserprobte Wechselspiel aus rasanter Action und lockeren Sprüchen: Für die gelungenen Pointen zeichnet meist Spaßvogel Yalcin Gümer (Fahri Yardim) verantwortlich, während Tschillers platte One-Liner bei der Suche nach der verlorenen Tochter trotz einer netten Anspielung auf Russlands Umgang mit Homophobie in der Regel ohne die erhofften Lacher verpuffen.
Tschiller: "Ich sprech' kein Fleischklops."
Im Presseheft verspricht der Filmverleih "eine atemlose Odyssee durch halb Europa", doch anders als in der ähnlich gelagerten James-Bond-Reihe bleibt es auch budgetbedingt bei den zwei Schauplätzen Istanbul und Moskau. Alle Beteiligten wollen sich am Hollywood-Actionkino messen lassen - als über weite Strecken uninspiriertes Popcorn-Spektakel vom Reißbrett zieht Tschiller: Off Duty aber klar den Kürzeren. Der fünfte Tschiller-Fall hechelt dem erfolgreichsten Film-Franchise der Welt um Längen hinterher: Während die populäre 007-Reihe, für die sich Schweiger gar als Hauptdarsteller ins Spiel brachte, regelmäßig neu erfunden wurde, lässt der Kino-Tatort die Eigenständigkeit von Beginn an vermissen. An den beiden Hauptdarstellern liegt es allerdings nicht, dass der Film nicht mit den großen Vorbildern mithalten kann: Schweiger und Yardim, die auch privat befreundet sind, harmonieren vor der Kamera einmal mehr prächtig. Auch Regisseur Christian Alvart (Fegefeuer) macht einen guten Job: Handwerklich waren seine Hamburger Tatort-Folgen schon immer über jeden Zweifel erhaben, und auch Tschiller: Off Duty punktet mit rasanter Action, der man das im Vergleich zu TV-Produktionen deutlich aufgestockte Budget vor allem im Schlussdrittel anmerkt. Pfiffige Wendungen, doppelte Böden oder vielschichtige Charaktere sucht man allerdings vergeblich: Die Rollen von Gut und Böse sind im dritten Kino-Tatort eindeutig definiert, denn der charismatische Erzfeind Firat Astan verschwindet schon früh von der Bildfläche. Alle anderen Gangster sind nur wandelnde Klischees, die verbal und non-verbal die Muskeln spielen lassen, um früher oder später mit Rüpel-Cop Tschiller aneinander zu geraten. Der zeigt wie schon im Kopfgeld wieder seinen nackten Hintern - und ballert sich einmal mehr mit dem obligatorischen Cut im Gesicht durch den Film. Auch im Hinblick auf das Vokabular schließt sich in Tschiller: Off Duty der Kreis: "Fuck!" lautete Nick Tschillers erstes Wort bei seinem Debüt in Willkommen in Hamburg - und auch bei seinem fünften Einsatz gehören englische Kraftausdrücke fest zum Wortschatz aller Beteiligten.
Gangster: "Fuck you!"
Tschiller: "Fuck me? Bitch!"
Bewertung: 5/10

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