Gier

Folge: 950 | 7. Juni 2015 | Sender: ORF | Regie: Robert Dornhelm

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg
Schmähfrei. Es waren nicht zuletzt auch die amüsanten Streitereien und Granteleien von Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser), mit denen der Wiener Tatort seit Fellners Debüt im Jahr 2011 seinen Platz in der Spitzengruppe der Krimireihe festigte: Wenn das Drehbuch mal schwächelte (wie zuletzt in Paradies oder Grenzfall), sprangen stets die beiden Hauptfiguren in die Bresche, deren köstliche Dialoge meist allein schon das Einschalten wert waren. Anders als zum Beispiel die Kollegen Thiel und Boerne in den immer seltener originellen Folgen aus Münster wussten die beiden ihr Publikum bisher immer zu überraschen, doch bei ihrem zwölften Einsatz ist vieles anders: Der hollywooderprobte Regisseur und Tatort-Debütant Robert Dornhelm inszeniert mit Gier einen ihrer schwächsten Fälle - und das nicht zuletzt deswegen, weil Eisner und Fellner sich zahm wie selten geben und der markant-sympathische Wiener Schmäh, der den Austro-Tatort so unverwechselbar macht, fast vollkommen fehlt. Die humorvollen Szenen lassen sich so an zwei Fingern abzählen: Zum Schmunzeln laden eigentlich nur die einleitende Party bei BKA-Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar), auf dem die beiden völlig overdressed erscheinen (s. Bild), und eine Szene im Präsidium ein, in der sich das ungleiche Ermittlerduo zwei Pizzen bestellt hat und Fellner die Rechnung wie selbstverständlich ihrem Kollegen überlässt.
Pizzabote: "Wer zahlt?"
Fellner: "Die Funghi."

Dass niemandem zum Lachen zumute ist, liegt aber auch an der grausamen Auftaktsequenz, in der Rauters schwangeres Patenkind Roswita Mader (Emily Cox, Kälter als der Tod) Opfer eines Arbeitsunfalls wird: Die junge Frau trägt einen fehlerhaften Schutzanzug und wird in einer Chemiefabrik mit hochaggressiver Säure verätzt. Es ist für lange Zeit die dramatischste Szene, denn nach dem tragischen Unglück, das eher auf Gier als auf böswillige Tötungsabsichten zurückzuführen ist, verrichten Eisner und Fellner eine gefühlte Ewigkeit lang die Arbeit des Arbeitsinpektorats: Man hört sich in der Firma um und lässt die Herkunft des Schutzanzugs prüfen, während weitere Opfer nach einem verbalen Donnerwetter von Roswitas Ehemann Helmut Mader (Eugen Knecht) und sofortigen Maßnahmen der Firmenleitung eigentlich auszuschließen sind. Die Wiener Ermittler stochern einzig auf Wunsch ihres Vorgesetzten Rauter ("Macht's für mich - bitte!") ein bisschen im Nebel - das gestaltet sich unheimlich zäh und dient in erster Linie dazu, die schablonenhaft angelegten Nebenfiguren einzuführen. Unter diesen gibt es letztlich auch nur eine interessante Figur: Es ist Schnurrbartträger Peter Wendler (Anian Zollner, Freunde bis in den Tod), der nach einem Mordversuch an seiner Ehefrau Sabrina (Maria Köstlinger, Tödliches Vertrauen) in der Psychatrie hockt und dort irgendetwas zu planen scheint. Immerhin: Mit der (wie so oft pünktlich nach 45 Minuten gefundenen) zweiten Leiche kommt der Krimi auf Betriebstemperatur, wenngleich Drehbuchautorin Verena Kurth (Zwischen den Fronten) sich mit ihrem blassen Whodunit widerstandslos den ungeschriebenen Tatort-Gesetzen unterwirft. Für mehr bleibt aber auch kaum Zeit: Die kühle Schlusspointe, die als Verweis auf Alfred Hitchcocks Suspense-Thriller Frenzy gewertet werden kann, wertet den 950. Tatort ebenso wenig auf wie die dank einiger überdeutlicher Hinweise jederzeit vorhersehbare Auflösung. Für unfreiwillige Komik sorgt im Übrigen noch Wendlers Gärtner Gupta Kumar (Thomas Nash), dessen indischer Akzent zwar prächtig mit seinem exotischen Outfit harmoniert, ansonsten aber seltsam aufgesetzt wirkt.

Bewertung: 4/10

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