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Paradies

Folge: 914 | 31. August 2014 | Sender: ORF | Regie: Harald Sicheritz

So war der Tatort:

Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican
Urlaubsreif - doch vor allem für die Wiener Kommissarin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) angesichts eines Trauerfalls alles andere als erholend. Eigentlich gerade auf dem Weg in den Kreta-Urlaub, erreicht die Ermittlerin in der Auftaktsequenz von Paradies ein Anruf: Ihr Vater Werner, zu dem sie kein gutes Verhältnis pflegt, liegt in einem Seniorenheim im Sterben. Grund genug für Fellner, den Griechenland-Trip abzusagen und mit ihrem Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) kurzerhand in die Steiermark zu düsen. Doch nach dem Ableben ihres Erzeugers erwartet Eisner und Fellner in dem beschaulichen Bergdörfchen nicht etwa Entspannung, sondern ein Fall von Drogenhandel und Medikamentenschmuggel, dessen Spuren direkt ins Altersheim führen. Ein Hauch von Breaking Bad weht durch den 914. Tatort, der die Sommerpause 2014 nach dreimonatiger Wartezeit beendet - doch anders als in der vielfach preisgekrönten US-Serie ist die Gangart in Paradies um Längen ruhiger und auch der Erzählton deutlich seichter. Harald Sicheritz, der zuletzt bei den Wiener Tatort-Folgen Abgründe und Zwischen den Fronten am Ruder saß, inszeniert ein Krimidrama, das mit seinem humorvollen Unterton auch gut nach Münster gepasst hätte - doch während die ergrauten Schmuggler bei den Kollegen Thiel und Boerne vermutlich für Pointen am Fließ hätten herhalten müssen, ist das Verhältnis zwischen tragischen Momenten und bissigen Pointen hier deutlich ausgewogener. An Spannung mangelt es allerdings von Minute 1 bis 90: Die gemütlichen Kaffeefahrten und Apothekenbesuche im nahegelegene Ungarn wecken eher Erinnerungen an harmlose deutsche Rentnerkomödien wie Bis zum Horizont, dann links! als an Walter White und Jesse Pinkman.
Eisner: "Das hast du mir nie erzählt."
Fellner: "Muss man sowas erzählen? Sieht man doch, dass ich gestört bin!"
Vor allem in der ersten Krimistunde passiert - abgesehen von einem Bargeldfund im Schließfach des verstorbenen Vaters - wenig Aufregendes, was sich für die Charakterzeichnung jedoch als Vorteil erweist. Die toughe Kommissarin berichtet ausführlich über ihre unglückliche Kindheit und gewährt tiefe Einblicke in ihr Seelenleben - diese selbstreflexiven Sequenzen der trockenen Ex-Alkoholikerin sind nicht nur für eingefleischte Fans des Wiener Tatort-Duos hochinteressant und besser gelungen als der Versuch der Filmemacher, das Publikum für die schlimmen Folgen der Modedroge Crystal Meth (oder wie Krassnitzer es ausspricht: "Christel Mett") zu sensibilisieren. Hier hätte man die Kriminalhandlung um dealende Altenpfleger (Michael Ostrowski), profitgierige Yuppie-Enkel (Laurence Rupp) und von Spanien träumende, kleinkriminelle Senioren (Peter Weck) besser auf kleinerer Flamme geköchelt. Immerhin: Anders als 2012 und 2013, als die Krimireihe mit den durchwachsenen Schweizer Folgen Hanglage mit Aussicht und Geburtstagskind ins zweite Halbjahr startete, fällt Paradies zumindest sehr kurzweilig aus. Das liegt neben den einmal mehr prächtig harmonierenden Wiener Ermittlern auch am überragenden Branko Samarovski (Aus der Tiefe der Zeit), der sich als kauziger Ruheständler Reinhard Sommer dank seines gewitzten Naturells und seiner ausgeprägten Vorliebe für Bier und Knödel schnell zum Publkikumsliebling mausert. Das entschädigt beim ansonsten recht konstruiert wirkenden Ausflug in die Steiermark für einige Logiklöcher und das schwache Finale. Moritz Eisner und Bibi Fellner könnten ihren Urlaub aber wahrscheinlich auch neunzig Minuten am Strand verbringen oder sich über die Wassertemperatur im Pool streiten - man käme dank der authentischen Dialoge und amüsanten Frotzeleien dennoch auf seine Kosten.

Bewertung: 6/10

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