Kopfgeld

Folge: 903 | 9. März 2014 | Sender: NDR | Regie: Christian Alvart

So war der Tatort:

Bild: NDR/Marion von der Mehden
Leichenreich. Auf stolze neunzehn Leichen bringt es Kopfgeld, der zweite Einsatz von Rüpel-Cop Nick Tschiller (Til Schweiger) und seiner besseren Hälfte Yalcin Gümer (Fahri Yardim) - das ist bis dato absoluter Tatort-Rekord. Schweiger & Co. wissen genau, was Schlagzeilen macht, und pulverisieren nicht nur den stattlichen Body Count aus Willkommen in Hamburg, sondern auch den bisherigen Höchstwert von Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die im hochspannenden Wiener Meilenstein Kein Entkommen 2012 immerhin fünfzehn Tote zu beklagen hatten. Aber machen mehr Leichen auch automatisch einen besseren Krimi? Die Antwort ist ein klares Nein: Kopfgeld ist trotz der starken Inszenierung von Christian Alvart, der bereits bei Willkommen in Hamburg Regie führte, der knackigen Actionszenen und der tollen Bilder von Kameramann Jakub Bejnarowicz (Die Ballade von Cenk und Valerie) ein wenig schwächer als der Vorgänger. War das umstrittene Schweiger-Debüt noch ein adrenalinschwangerer, überraschend selbstironischer Popcorn-Spaß, gehen die LKA-Ermittler diesmal zum Lachen in den Keller: Vor allem Gümer kommen bei seinem angenehm schnodderigen Auftritt deutlich weniger spaßige One-Liner über die Lippen. Stattdessen übt sich der Sidekick in Political Correctness und biegt all die flapsigen Sprüche wieder gerade, die Tschiller und der herbeizitierte LKA-Drogenexperte Enno Kromer (Ralph Herforth, Tödliche Ermittlungen) bei den Ermittlungen gegen die kriminellen Kurden und Türken aus dem Ärmel schütteln. Hier hätte dem Drehbuch von Christoph Darnstädt ein wenig mehr Mut und weniger Allgemeinplätze zu Gesicht gestanden - dass das hervorragend funktionieren kann, hat der heiß diskutierte Bremer Tatort Brüder schließlich erst zwei Wochen vorher bewiesen.

Wer Willkommen in Hamburg mochte, wird aber auch an Kopfgeld Gefallen finden - in der Unterwelt werden keine Gefangenen gemacht und auch verbal ("Fick dich", "Fotze", "Arschloch") weht an der Waterkant ein rauer Wind. Unter Gangstern und Ermittlern hagelt es dabei aber vor allem Plattitüden und bemühten Gangslang, in den nervötenden Vater-Tochter-Szenen mit  Lenny Tschiller (Luna Schweiger) kitschige Familienweisheiten, und selbst Gümer schießt gelegentlich über das Ziel hinaus: "Wie talkst du eigentlich mit mir", brüllt der türkische Publikumsliebling den inhaftierten Astan-Kumpel Amed (Kasem Hoxha) an, und scheint dabei selbst nicht zu wissen, warum er nicht das deutlich gängigere Wort "reden" verwendet hat. Was Kopfgeld schwächer macht als Willkommen in Hamburg, ist aber auch das Fehlen eines charismatischen Gegenspielers: Während beim Tschiller-Debüt der zukünftige Berliner Hauptkommissar Mark Waschke als schmieriger Antagonist glänzte, ist der Feind diesmal kaum greifbar. Clan-Anführer Aykut Bürsum (Martin Umbach, Das Glockenbachgeheimnis) taucht erst in den Schlussminuten auf, die einflussreichsten Astan-Köpfe Firat (Erdal Yildizm, Odins Rache) und Ismael (Sahin Eryilmaz) sitzen hinter Gittern und deren Schergen unter Führung des finsteren Rahid (herrlich fies: Carlo Ljubek) bleiben nur austauschbare Stereotypen. Dass sich der skrupellose Schläger ausgerechnet Staatsanwältin Hanna Lennertz (Edita Malovcic), mit der Tschiller einleitend eine Nummer schiebt und dabei natürlich nackt von Frau und Tochter überrascht wird, zur Brust nimmt, verleiht dem Geschehen kaum Dramatik: Lennertz verbringt die zweite Filmhälfte zwar im Krankenhausbett, doch ihr Schicksal als unschuldiges Opfer macht nur bedingt betroffen, weil der Zuschauer sie eigentlich nie richtig kennenlernen durfte. Das falsche Spiel des frustrierten Drogenexperten Kromer hingegen wird viel zu früh offengelegt, so dass der Twist beim Showdown im Hamburger Hafen ohne Verblüffungseffekt verpufft. So wie der ganze Krimi, der trotz Leichenrekord und Kinoprominenz am Ende genau das ist, was er wohl am wenigsten sein will: müder Durchschnitt.

Bewertung: 5/10

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