Abgründe

Folge: 902 | 2. März 2014 | Sender: ORF | Regie: Harald Sicheritz

So war der Tatort:

Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg
Ungeniert. Der Wiener Oberleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) müssen in Abgründe nämlich fast die Hälfte des Films ohne Dienstwaffe und Ausweis auskommen - und ist der Cop erst suspendiert, lebt es sich ganz ungeniert: Eisner und Fellner nehmen den Freibrief für unkonventionelle Methoden mit Kusshand an, ballern Verdächtigen mit einem Jagdgewehr den Flat-Screen vom Fernsehtisch, sprengen harmonische Familienfeiern und treten auch sonst so ziemlich jedem auf die Füße, der nicht bei drei in Deckung gesprungen ist. Kein Wunder: Abgründe ist eine dieser Tatort-Folgen, in der die Kommissare sich mal wieder gegen "die da oben" - in diesem Fall ihren Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar), das BKA und das Ministerium - behaupten müssen, weil eine großangelegte Schweinerei - hier: ein Kinderpornoring - nicht an das Licht der Öffentlichkeit geraten soll. In der Krimireihe gab es das leider schon ziemlich oft, zuletzt z.B. im soliden Lindholm-Tatort Wegwerfmädchen, und deswegen kommt der achte Einsatz des sympathischen Ermittlerduos auch erst nach einer knappen Stunde und reichlich Standardstreitereien so richtig in Fahrt. Als Tochter Claudia (Tanja Raunig) ins Visier der Kriminellen gerät und ein Leben im Rollstuhl droht, brennen Dauergrantler Eisner endgültig die Sicherungen durch - und ab diesem Zeitpunkt wird Abgründe endlich zum spannenden Krimispaß. Da ist es zu verschmerzen, dass aus der ersten Filmhälfte vor allem die hoffnungslosen Flirtversuche von Kollegin Julia Wiesner (Stefanie Dvorak) in Erinnerung bleiben, die dem genervten Eisner nach ihren eindeutigen Avancen in Falsch verpackt ("Du hast ja 'nen schönen Busen - aber du musst ihn mir net immer ins Gesicht halten.") erneut schöne Augen macht und von Fellner dafür nur belächelt wird.

Regisseur Harald Sicheritz (Baum der Erlösung) und Drehbuchautor Uli Brée nehmen Bezug auf den Fall Kampusch und verteilen die Rollen von Gut und Böse im verschneiten Wien eindeutig: Der schmierige Bauunternehmer Werner Nussbacher (Thomas Mraz) sieht mit Pullunder, Riesenbrille, Schnurrbart und Spießerfrisur (s. Bild) schon aus wie ein Kinderschänder aus dem Bilderbuch, der undurchsichtige Polizeikollege Markus Frey (Michael Dangl) verhält sich einfach viel zu verdächtig, als dass er nichts auf dem Kerbholz hätte, und auch der scharfe Kasernenton des schwerreichen Paul von Fichtenberg (Heinz Trixner, Schlüssel zum Mord) lässt kaum ernste Zweifel an dessen finsterem Doppelleben aufkommen. Macht nichts: Hier stellt sich weniger die Frage nach den Tätern, sondern eher die nach der genauen Funktion der Kriminellen, und ob es den Ermittlern trotz aller Störfeuer von oben gelingt, die Pädophilen am Ende hinter Schloss und Riegel zu bringen. Der blutige Showdown und die pfiffige Schlusspointe sind dabei die Höhepunkte in einem Spiel ohne Regeln, in dem sich in der Wiener High-Society Abgründe auftun und es am Ende nur Verlierer gibt. Und Eisner und Fellner? Die zeigen sich einmal mehr in Top-Form und untermauern auch diesmal wieder ihren Status als eines der derzeitig stärksten Tatort-Teams: "Wir arbeiten in einem Saustall, und du hältst dich an die Regeln", wirft Fellner ihrem verdutzten Kollegen an den Kopf, und stiftet ihn förmlich dazu an, mal so richtig mit ihr über die Stränge zu schlagen. Das mag zwar nur bedingt realistisch sein, ist aber entwaffnend unterhaltsam und einfach unheimlich amüsant. Und ihre zum Dienstwagen umfunktionierte "Schlampenschleuder" von Busenkumpel Inkasso-Heinzi ist jetzt schon kultiger als jede Karre, die Kollege und Autoliebhaber Freddy Schenk (Dietmar Bär) in Köln jemals fahren dürfte.

Bewertung: 7/10

Kommentare:

  1. Absolute Spitzenklasse Gratulation!!

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  2. Der Wiener Tatort schlägt wieder zu -- einfach nur toll, von Anfang bis Ende! Und genau am Ende hat unser Freund Eisner einen neuen Golf -- ja, richtig, einen Golf 7. Himmlisch! Seufz!

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