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Zwischen den Fronten

Folge: 863 | 17. Februar 2013 | Sender: ORF | Regie: Harald Sicheritz

So war der Tatort:

Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg
Vielsprachig. Beim fünften gemeinsamen Einsatz von Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) wird im ersten Filmdrittel gefühlt jeder zweite Satz auf englisch gesprochen und auch sonst ein buntes Dialekt- und Akzentfeuerwerk abgebrannt, das in der Tatort-Geschichte seinesgleichen sucht. Das Wiener Duo, das zuletzt in Falsch verpackt und dem überragenden Kein Entkommen in zwei der stärksten Tatorte des Jahres 2012 zu sehen war, wird diesmal auf einen eher ungewöhnlichen Tatort-Mord angesetzt: Ums Leben kommt Selbstmordattentäter Kásim Bagdadi (Samy Hassan), der bei einer internationalen Konferenz der Vereinten Nationen einen Vortrag über die politische Internetplattform Comet halten soll, es aber offenbar auf das Leben von Konferenzleiter Marcus Sherman abgesehen hat und einen Wiener Polizisten mit in den Tod nimmt. Während sich Sherman und seine Tochter mühsam auf Englisch unterhalten und die einflussreichen Mitglieder der offenbar in den Anschlag involvierten Organisation "Semper Veritas" gar auf Latein ihr Tischgebet sprechen, plappern Eisner und Fellner wie gewohnt Wienerisch, treffen aber auch auf pakistanische Kioskbesitzer und werden zunächst zum Stillhalten verdonnert: Der hochtrabende BVT-Kollege Fred Michalski (Kabarettist Alfred Dorfer), der mehr über den Anschlag zu wissen scheint als alle anderen, setzt dem ungleichen Duo Major Melanie Warig (Susanne Wuest) vor die Nase, die sich in der Folge nachhaltig für den Titel "kühlste Nebenfigur der Tatort-Geschichte" empfiehlt, sich immer wieder den Unmut Eisners zuzieht und erst auf der Zielgeraden ein wenig auftaut. 

Zufall und Drehbuchautorin Verena Kurth wollen es, dass ausgerechnet Eisner-Tochter Claudia (Tanja Raunig) regelmäßig auf Comet aktiv ist und ihrem Papa daher mehr über den Attentäter verraten kann. Der ermittelt dank seines Wissensvorsprungs bald Zwischen den Fronten, wird aber immer dann ausgebremst, wenn er und Fellner gerade einen kleinen Erfolg erzielt haben. Nicht unbedingt die originellste Geschichte, die der 863. Tatort erzählt, doch ist sie in Zeiten von Anonymous, Piratenpartei und Occupy-Bewegung zumindest am Puls der Zeit. Kurth tut gut daran, dass mit dem Kriegsheimkehrer Martin Ledic (Vedran Kos) auch jemand zum Kreis der Verdächtigen zählt, der Bagdadi vielleicht einfach nur aus Liebe zu Sherman-Tochter Mary (Geneviève Boehmer) ermordet hat: So dürfen Eisner und Fellner auch ein wenig klassische Ermittlungsarbeit fernab von Hierarchiefragen und politische motiviertem Taktieren leisten. Dennoch gelingt es Regisseur Harald Sicheritz, der zuletzt den hervorragenden Ausgelöscht inszenierte, zu selten, echte Spannung zu erzeugen, weil die Revierkämpfe zwar Emotionen schüren, ansonsten aber alles nach Schema F verläuft. Selbst Fellner, zuletzt kein Kind von Traurigkeit, gibt sich diesmal handzahm: keine Parties, kein Inkasso-Heinzi, keine Saufgelage. Außer bei einem kurzen Flirt mit Oberst Sebastian Moslechner (Oliver Karbus) schlägt sie kaum über die Stränge, dafür aber beim Showdown im Autohaus Hoppenstädt (ohne Opa und Lametta) kompromisslos mit einem Auspuff zu. Letztere ist eine der wenigen amüsanten Szenen eines auffallend ernsten Wiener Tatorts, der zwar eine nette Schlusspointe zum Thema staatliche Überwachung bietet, aber selten auf Touren kommt und meilenweit von Hochkarätern wie Kein Entkommen entfernt ist.

Bewertung: 5/10

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