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Ein ganz normaler Fall

Folge: 818 | 27. November 2011 | Sender: BR | Regie: Torsten C. Fischer

So war der Tatort:

Bild: ORF/BR/Barbara Bauriedl
Ganz normal. Schließlich beschäftigt sich Ein ganz normaler Fall mit einem Thema, wie es im Deutschland des 21. Jahrhunderts normaler kaum ausfallen könnte: dem Judentum. Rafael Berger (Oliver Nägele, Kassensturz), der kurz vor seinem eigenen Ableben den Tod seiner Tochter Lea beklagen musste, wird nämlich nicht irgendwo tot aufgefunden, sondern im Vorraum einer Synagoge, einem jüdischen Gotteshaus. Zum Kreis der Verdächtigen zählen ausschließlich Juden. Heute darf und soll man "Juden" sagen, wie der 818. Tatort dem Zuschauer sogleich erklärt, denn "mit jüdischen Wurzeln" ist ja doch irgendwie albern. Schließlich ist das Wort "Jude" schon seit Jahrzehnten kein Schimpfwort mehr. Als die langjährigen Münchener Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) aber den tatverdächtigen Jonathan Fränkel (Alexander Beyer, Schlaraffenland) auf einem Spielplatz verhaften und sich dabei von Kindern mit einer Handykamera filmen lassen, brennt im Polizeipräsidium plötzlich der Baum: Fränkel verliert bei der Verhaftung nämlich seine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung. Ist die Suche nach Bergers Mörder vielleicht doch kein ganz normaler Fall? Natürlich nicht. Die Drehbuchautoren Rochus Hahn und Daniel Wolf, selbst jüdisches Gemeindemitglied, bitten Batic und Leitmayr zum heiklen Eiertanz, bei dem Wörter gnadenlos auf die Goldwaage gelegt werden und man sich bei den Ermittlungen jeden Schritt dreimal überlegen sollte, wenn man sich nicht selbst in Erklärungsnöte bringen oder gar als Antisemit entlarven will.

Staatsanwalt: "Ich möchte nicht, dass die uns aufs Dach steigen. Sie wissen doch, wie die sind."
Batic: "Wie wer ist?"

Ein ganz normaler Fall beleuchtet die Frage, ob man sich in Deutschland gegenüber jüdischen Mitbürgern überhaupt korrekt verhalten kann, ohne dabei irgendjemandem auf den Schlips zu treten, mit äußerster Behutsamkeit. Leitmayr diskutiert die Frage, wie Gott den Holocaust zulassen konnte, und andere Glaubensthemen mit dem angesehenen Rabbiner Grünberg (André Jung), während Batic sich vorsichtig dem streng gläubigen, geistig zurückgeblieben Zeugen Aaron Klein (Florian Bartholomäi, Hilflos) den Schabbat, keusches Essen und weitere Verhaltensregeln erklären lässt. Ein ganz normaler Fall leistet zweifellos ausführliche Aufklärungsarbeit, räumt mit Vorurteilen auf und liefert den einen oder anderen interessanten Denkanstoß, funktioniert als Krimi aber nur bedingt. Regisseur Torsten C. Fischer (Nachtgeflüster) hat alle Hände voll damit zu tun, bei seiner Inszenierung auch ja niemanden vor den Kopf zu stoßen - und somit fällt auch die Antwort auf die Frage, wer Rafael Berger denn nun ermordet hat, denkbar einfach aus.

Bewertung: 5/10

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