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Salzleiche

Folge: 711 | 16. November 2008 | Sender: NDR | Regie: Christiane Balthasar

So war der Tatort:

Bild: NDR/Nik Konietzny/Carles Carabi Negueruela
Radioaktiv. Denn in Salzleiche verschlägt es LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in die Nähe des atomaren Zwischenlagers in Gorleben, in dessen Richtung seit 1996 die Castor-Transporte aus dem französischen La Hague rollen: Wenige Meter entfernt liegen die Salzhalden eines Erkundungsbergwerks, das in diesem Tatort von Leiter Sören Kasper (Stephan Grossmann, Die fette Hoppe) als Endlager für Atommüll ins Spiel gebracht wird - und das als solches auch in der Realität seit den späten 70er Jahren zur Diskussion steht. Die Drehbuchautoren Johannes W. Betz (Häuserkampf) und Max Eipp (Mord auf Langeoog) skizzieren diese Debatte in angemessener Ausführlichkeit und setzen ansonsten auf einen klassischen Whodunit: In den Salzhalden gräbt ein Hund den Arm einer Leiche aus, der der salzhaltige Boden fast das gesamte Wasser entzogen hat und die so zum "Ötzi von Gorleben" geworden ist ("Der Mann wurde gewissermaßen gepökelt!"). Ein origineller Einstieg und ein alles andere als alltäglicher Fall für Charlotte Lindholm, die bei ihrem dreizehnten Einsatz von Polizist Jakob Halder (Matthias Bundschuh, Ätzend) unterstützt wird, aber eigentlich andere Sorgen hat: Die Suche nach einem Krippenplatz für Sohn David (Tarik Can Bas) gestaltet sich schwierig und ihrem treuen Mitbewohner Martin Felser (Ingo Naujoks), der passend zum Tatort Kaninchen im Salzmantel kocht und für das Kind alles stehen und liegen lassen würde, möchte sie den Kleinen nicht überlassen. Auch der junge Gerichtsmediziner Edgar Strelow (David Rott, Erntedank e.V.) holt sich bei Lindholm einen Korb - wenngleich er nicht ihr Kind hüten, sondern die Kommissarin zum Essen ausführen möchte.
Lindholm: "Sie bewundern mich, stimmt's?"
Edgar: "Ja, Sie sind ja auch bewundernswert."
Die selbstherrliche Inszenierung der Figur Charlotte Lindholm ist bekannt, doch der dreizehnte Auftritt der ach so toughen Beamtin, die selbst frühmorgens beim Räkeln in den Bettlaken aussieht wie aus dem Ei gepellt, sucht beim Blick auf die bisherigen Folgen seinesgleichen. Der zweite Tatort unter Regie von Christiane Balthasar (Vergessene Erinnerung) ist einer dieser Beiträge, in denen das Seelenleben der alleinerziehenden Mutter wichtiger scheint als alles andere: Alle paar Minuten darf der Zuschauer an Lindholms Privatleben teilhaben - das erstickt jede Spannung im Keim, so dass die Geschichte erst im Schlussdrittel auf Touren kommt. Wirkt Lindholm bei einer einleitenden Stippvisite im Bergwerk noch so interessiert wie eine Pauschaltouristin beim Besuch einer Tropfsteinhöhle, flaniert sie später gemütlich im Sonnenschein durch Barcelona und Sitges, um den spanischen Vater ihres Kindes zu suchen und radebrechend die Ermittlungen voranzutreiben ("Could you please help me with my koffer, por favor?"). Irgendwann hält sie gar eine radioaktive Kapsel in den Händen und es schaltet sich plötzlich der Bundesnachrichtendienst ein - natürlich nicht, ohne seinem Lockvogel wider Willen überschwänglich zu danken ("Sie haben Ihrem Land einen Dienst erwiesen, Frau Lindholm!"). Wahnsinn. Da staunt selbst Kollegin Belinda Utzmann (Catrin Striebeck) Bauklötze, die zum vierten Mal im Tatort aus Niedersachsen zu sehen ist und Lindholm bei einer entscheidenden Recherche unter die Arme greift. Peinlicher Höhepunkt dieses figurverliebten Ego-Trips ist aber der Besuch beim überzeichneten Hacker Elvis (Josef Heynert, Brandmal): Lindholm gönnt sich einen Zug an dessen Joint, hat plötzlich Visionen und muss die Nacht auf seiner Couch verbringen. Nur gut, dass sich die Suche nach dem Täter dank überdeutlich gestreuter Hinweise simpel gestaltet und Zeit für solchen Firlefanz bleibt: Neben dem verbitterten Ex-Geologen Manfred Sandmann (Rainer Sellien), dem Bergwerksangestellten Erwin Augenthaler (Rainer Bock, Nie wieder frei sein) und der Anti-Atomkraft-Aktivistin Welany (Eva Weißenborn) gibt es schließlich nur noch eine weitere Figur, die auffällig viel von ihrem Leben nach Feierabend preisgibt und nicht nach einer halben Stunde das Zeitliche segnet. Das Motiv? Eines der ältesten in der Geschichte der Menschheit. Die Atomkraft hätte es dafür nicht gebraucht - aber zumindest die tollen Schauwerte und schicken Wendland-Panoramen sind das Einschalten wert.

Bewertung: 4/10

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