Außer Gefecht

Folge: 630 | 7. Mai 2006 | Sender: BR | Regie: Friedemann Fromm

So war der Tatort:

Bild: BR/TV 60 Film/Vietinghoff
Entzweit. Drehbuchautor Christian Jeltsch (Wie einst Lilly) hat sich für den 43. Einsatz von Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) nämlich etwas Besonderes einfallen lassen: Sieht man von den ersten Minuten im eleganten Drehrestaurant des Münchner Olympiaturms ab, sind die beiden Hauptkommissare in Außer Gefecht getrennt voneinander unterwegs. Wobei: Unterwegs ist eigentlich nur Batic, der Carlo Menzinger (Michael Fitz) im Schlepptau und zugleich alle Hände voll zu tun hat, denn Leitmayr steckt fast über die komplette Spielzeit mit einem überführten Killer im Fahrstuhl fest. Ein einleitender Undercover-Einsatz der beiden Kommissare, die sich in piekfeine Kellner-Outfits werfen und bei ihrer Fahndungsaktion zerstreiten, geht völlig in die Hose: Der Krankenpfleger Johannes Peter Peschen (Jörg Schüttauf, Jagdfieber), kann sich bei der Festnahme mit Leitmayr absetzen und ihm im Fahrstuhl eine Spritze in den Oberarm rammen. Nur was injiziert ihm der von den Medien zum "Todesengel" stilisierte Mann, der zwölf Menschenleben auf dem Gewissen hat? Daraus machen Jeltsch und Regisseur Friedemann Fromm (...es wird Trauer sein und Schmerz) lange ein Geheimnis - fest steht nur, dass es Leitmayr von Minute zu Minute schlechter geht und Peschen nichts mehr zu verlieren hat. Entzweit ist der 630. Tatort aber auch in einem anderen Sinne: Die Filmemacher bringen mit Bravour zwei vom Erzählton her gänzlich verschiedene Handlungsstränge in Einklang, denn die packenden Thrillermomente im Fahrstuhl sind nur Teil der sauber ausgearbeiteten Rahmenhandlung um das vieldiskutierte Thema Sterbehilfe und Altenpflege.

Immer wenn sich im Fahrstuhl eine Länge einzuschleichen droht, nehmen die Ermittlungen von Batic und Menzinger an Fahrt auf - und umgekehrt. Schnell wird klar, dass der vermeintliche Massenmörder Peschen nur das getan hat, was in Deutschland trotz vieler Befürworter verboten ist: aktive Sterbehilfe bei dementen oder todkranken Menschen durchzuführen. Statt ausufernder Sozialkritik (wie oft im Kölner Tatort) oder dem Druck auf die Tränendrüse (wie im überschätzten Sterbehilfe-Tatort Der glückliche Tod) arbeiten die Filmemacher die Schwächen des deutschen Pflegesystems mit feinem Gespür für das Wesentliche heraus: Laut Krankenpflegerin Inge Kehrer (Ulrike Krumbiegel, Unter uns) kommen in ihrer Klinik auf 150 Demenzkranke höchstens zwei bis drei Pfleger - angesichts solcher Zahlen und dem daraus resultierenden Zeitmangel der Pflegekräfte braucht es nur wenige anklagende Worte, um Verständnis für den Täter zu wecken. Der gibt sich ebenfalls wortkarg: Dass sich der Bayerische Rundfunk bei der Besetzung des Bösewichts ausgerechnet für Jörg Schüttauf entschied, der zeitgleich als Hauptkommissar Fritz Dellwo im Tatort aus Frankfurt auf Täterfang geht, ist etwas irritierend, und Schüttauf wirkt in seiner ungewohnten Rolle auch nie ganz glücklich. Schauspielerisch wirft er nicht viel in die Waagschale, und seine schwarzen Haare und die Brille dienen offenbar in erster Linie dazu, sein Parallel-Engagement in Frankfurt zumindest optisch ein wenig zu verschleiern. Macht aber nichts: Außer Gefecht entwickelt sich trotz der nicht ganz optimalen Besetzung zu einem packenden Wettlauf gegen die Zeit, der von einem stimmungsvollen Soundtrack vorangetrieben wird und mit cleveren Wendungen gespickt ist. Weil das Rettungsteam auf sich warten lässt, liegt es an Batic, Menzinger und der hübschen Polizeibeamtin Charlie Peetz (Kathrin von Steinburg), zu Leitmayr und Peschen vorzudringen - aber der Münchner Tatort wäre nicht der Münchner Tatort, wenn er außer dieser dramatischen Rettungsaktion nicht noch so viel mehr zu erzählen hätte.

Bewertung: 9/10

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