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Schneetreiben

Folge: 617 | 18. Dezember 2005 | Sender: BR | Regie: Tobias Ineichen

So war der Tatort:

Bild: BR/Bavaria Film/Hauri
Bitterkalt. In Schneetreiben - der winterliche Krimititel deutet es unmissverständlich an - wird München nämlich von einer klirrenden Kälteperiode heimgesucht, und so wird bei den Ermittlungen, der Spurensuche am Tatort und bei der Befragung der Zeugen fleißig um die Wette gebibbert. Doch nicht nur die Münchener Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) leiden bei ihrem 42. Einsatz unter den arktischen Temperaturen: Eine nur mit Unterwäsche bekleidete Studentin erfriert in der von Regisseur Tobias Ineichen (Geburtstagskind) herausragend inszenierten, erschütternden Eröffnungssequenz auf offener Straße, besser gesagt: auf einem verschneiten Waldweg, mitten im Nirgendwo. Daneben steht ein silberfarbener Geländewagen, dessen Fahrer in aller Seelenruhe abwartet, bis die junge Frau ihren letzten Lebensatem aushaucht und im dichten Schneetreiben jämmerlich den Kältetod stirbt. Was für ein Auftakt! Erwartungsgemäß schaltet Ineichen nach dem denkwürdigen Mord jedoch zwei Gänge zurück und gönnt dem Sonntagabendpublikum die erste Verschnaufpause: Entsetzte Blicke wollen ausgetauscht, Indizien gesichert und ahnungslose Väter und Arbeitgeber informiert werden. Dass der 617. Tatort trotzdem nicht ins totale Spannungsloch fällt, liegt an Edelassistent Carlo Menzinger (Michael Fitz): Der muss sich diesmal mit der internen Ermittlung herumschlagen, weil er eine Zeugin zu hart angegangen sein soll, und steht den Komissaren Batic und Leitmayr daher erst auf der Zielgeraden wieder zur Verfügung. 

Menzingers Stress mit den eigenen Kollegen bringt zwar kurzzeitig Dynamik in den trotz furiosem Auftakt schleppend anlaufenden Krimi, erweist sich letztlich aber als Eigentor, weil Drehbuchautor und Tatort-Debütant Claus Cornelius Fischer den Handlungsstrang viel zu halbherzig ausarbeitet und früh wieder fallen lässt. Diese Drehbuchschwäche offenbart sich vor allem im Vergleich zum bärenstarken Münchener Tatort Der traurige König, in dem es Franz Leitmayr ist, der ins Visier der internen Ermittlung gerät und daran psychisch fast zerbricht. So wird man das Gefühl nie ganz los, dass Fischer diesen Nebenkriegsschauplatz nur eröffnet, um den Fadenkreuzkrimi auf Spielfilmlänge zu strecken: Das von unterschwelligen Vorwürfen geprägte, groteske Dreiecksverhältnis zwischen den Privatiers Jasper Bruckner (Jan Hendrik Stahlberg, Ihr Kinderlein kommet) und Oliver Hufland (Wanja Mues, Der Tote vom Straßenrand) und dessen Freundin Katja Weiss (Edita Malovcic, Der Finger) bietet zwar reichlich Konfliktpotenzial und ist zweifellos die größte Stärke des Films, reicht aber als Antriebsfeder der Handlung für neunzig Minuten schlichtweg nicht aus. So wird auch dem trauernden Vater der Toten, Ludwig Thaller (Michael Brandner, Der Polizistinnenmörder), mehr Zeit eingeräumt als nötig. Immerhin: Die Dialoge sitzen, die Figuren bewegen sich außerhalb jeder Schablonenhaftigkeit und richtig spannend wird es im Schlussdrittel auch noch. Damit ist Schneetreiben unter dem Strich ein guter, aber kein sehr guter Tatort, der im Direktvergleich zur ähnlich frostigen Bodensee-Folge Herz aus Eis oder den vielen Münchener Hochkarätern nach der Jahrtausendwende klar den kürzeren zieht.

Bewertung: 7/10

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