Im freien Fall

Folge: 484 | 4. November 2001 | Sender: BR | Regie: Jobst Oetzmann

So war der Tatort:

Bild: BR/Klick/Erica Hauri
Leidenschaftlich. Im freien Fall ist eine der ungewöhnlichsten - und zugleich besten - Tatort-Folgen aus der bayerischen Landeshauptstadt, weil er nicht nur angenehm anders ausfällt, sondern sich intensiv ins Gedächtnis brennt. Das liegt in erster Linie an der leidenschaftlichen Affäre, in die sich Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) stürzt - und das im wahrsten Sinne des Wortes: Nach einem Sturz vom Dach, der einleitend für Hochspannung sorgt, landet er über Umwege auf dem Fensterbrett der hübschen Studentin Anne Mars (Jeanette Hain, Scheinwelten), die dem Münchner Ermittler nicht nur das Leben rettet, sondern sofort die Sinne raubt. Dass die Hobby-Malerin ein beeindruckendes künstlerisches Talent mitbringt, scheint ihr auf merkwürdige Art und Weise unangenehm zu sein - aber warum nur? Leitmayr ist das erstmal egal - von den Ärzten für zwei Monate krankgeschrieben, verbringt er jede freie Minute mit der männermordenden Blondine und degradiert seine Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Carlo Menzinger (Michael Fitz), die im Präsidium die Stellung halten müssen, im 484. Tatort glatt zu Statisten. Drehbuchautor Alexander Adolph, der auch das Skript zu den Hochkarätern Der Weg ins Paradies, Nie wieder frei sein und Der oide Depp schrieb, behält das tatorttypische Whodunit-Prinzip zwar bei, macht aber nicht die Suche nach dem Mörder, sondern Leitmayrs Techtelmechtel zum zentralen Handlungsknoten.

Adolph entfaltet Leitmayrs Affäre in ihrer ganzen emotionalen Wucht und steuert zielstrebig auf einen dramatischen und unausweichlichen Höhepunkt zu. Unterstützt wird der steile Spannungsbogen nicht nur von einem tollen Soundtrack, sondern auch von einer brillianten Inszenierung: Regisseur Jobst Oetzmann (Der traurige König) fährt schweres Geschütz auf und lässt den hoffnungslos verliebten Hauptkommissar immer wieder Flashbacks und Halluzinationen durchleben. Star des Films ist aber zweifellos die fantastisch aufspielende, enorm facettenreiche Jeanette Hain, die ihre labile und zugleich extrem wankelmütige Figur mit einer gewaltigen Authentizität auf die Mattscheibe bringt. Dass Andreas Hoppe, eigentlich bekannt als Lena Odenthals Kollege Mario Kopper aus Ludwigshafen, in einer köstlichen Nebenrolle als cholerischer Handwerker zu sehen ist, geht angesichts dieser großartigen Performance fast ein wenig unter. Im freien Fall schrammt aber vor allem aufgrund eines kleinen Hängers im Mittelteil und dem fast peinlich offensichtlichen Product Placement für den Almighurt von Ehrmann haarscharf am Prädikat Meilenstein vorbei und lässt nicht nur Leitmayr, sondern auch das Publikum nach dem Abspann erschüttert zurück.
Batic: "Wie geht's deinem Herz?"
Leitmayr: "Ich spür's überhaupt net. Ich spür's nimmer."
Bewertung: 9/10

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